People are strange

Johannes sieht aus, als würde er lächeln, wenn er sich konzentriert, das liegt an der Falte, die sich scharf gekurvt vom Nasenansatz zum Mundwinkel schwingt; außerdem an seinen hellen Augen, die das Erste sind, was an ihm auffällt, groß, blau und genauso klar wie seine Züge. Dieses scheinbare Lächeln gibt ihm eine ebenso scheinbare Überlegenheit, lässt ihn aussehen, als mache er sich im Grunde über alles um ihn her lustig, dabei ist er eigentlich ganz ernsthaft bei der Sache, und seine verschränkten Arme, wenn Ashraf ihn korrigert, deuten eher auf Unsicherheit als Draufgänger, trotz der verwegenen Bartstoppeln und der sonnenbraunen Haut. Von den wenigen Männern im Raum ist er der Attraktivste, weil dieses ungewollte Lächeln herausfordert, weil seine Augen, die in dem Gesicht mit den komplizierten, eleganten Zügen der einzige Ruhepol sind, den Eindruck vermitteln, dass viel hinter ihnen passiert, weil er, der die alternative Wollmütze stets ablegt, wenn er in den Unterricht kommt, eine äußerst anziehende Mischung aus Eigensinn und Schüchternheit ausstrahlt: da könnte eine ganze ungeschliffene, wilde neue Welt darauf warten, entdeckt zu werden.

Er kommt und geht meistens allein, hat immer andere Nebensitzer, heute sitzt er neben Vera, zu der er passt; sie sind gleich dunkel, sehnig und fragil, der weite Vogelflug seines Blicks meint im Grunde das Gleiche wie ihre nervöse Beweglichkeit. Sie kann ganz still sitzen, aber sobald sie irgendetwas tut – ein Buch aufschlagen, eine Frage beantworten oder stellen, mit geübten Fingern ihre Frisur prüfen - , ist das ein komplexer, umfassender Akt, in dem jeder Teil ihres Körpers mitwirkt, alles kommt blitzartig in Bewegung, Gesicht, Hände, Arme, sie wirft sich auf dem Stuhl hin und her, den Kopf von einer Seite auf die andere, sitzt in einer halben Minute in zehn verschiedenen Positionen und ist dabei so einnehmend und echt, dass Ashraf sie liebt, obwohl sie noch immer kaum eine Vokabel weiß. Sie hat eine tolle Figur und zieht sich oft flittchenhaft an, aber bei ihrem ungeschminkten, stets müden Gesicht sieht das völlig ungewollt aus, sofern man Vera einen zweiten Blick gönnt, sofern man sie reden gehört hat, sofern man weiß, wie charmant sie in ihrer Flatterhaftigkeit sein kann.


6.6.11 21:59
 


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